Hannah wird bald 14 Jahre alt – sie durchlebt gerade ihre Pubertät wie alle 14-jährigen Mädchen. Besonders ist, dass Hannah ein geistig behindertes Mädchen ist und Kino- oder Disco-Besuche oder z.B. Spaziergänge mit einer Freundin alleine, also ohne Aufsicht durch ihre Eltern oder einen anderen Erwachsenen, nicht möglich sind. Dabei wünscht sie es sich so sehr wie alle 14-jährigen pubertierenden Mädchen. Sie wünscht sich auch, später nach unserem Tod nicht alleine zu sein. So etwas sagt sie - und fühlt also trotz ihrer Behinderung all das, was auch nicht behinderte Jugendliche sich wünschen: Gemeinschaft und Freundschaft mit Gleichaltrigen, einen Freund – eine Freundin. Und sie möchte für uns, ihre Eltern nicht mehr so wichtig sein. Lieber alleine in ihrem Zimmer Musik hören und träumen -.

Blumenthal, Sonntag Nachmittag: Nach und nach kommen die Kinder, die dort in diesem wunderschönen alten Schulgebäude mit dem riesigen Grundstück, dem Esel, den Ziegen, Hühnern und Katzen leben, aus ihrem Wochenende mit ihren Familien zurück. Es sind 11 Kinder und Jugendliche, die sich gut kennen und sich begrüßen, wie es Jugendliche eben machen. Nicht „behindert“, sondern jeder auf seine Art – der eine offener, der andere leiser. Sie sind so verschieden, wie überall auf der Welt, wenn 11 Jugendliche aufeinander treffen. Die Betreuer, die die Kinder begrüßen, sind für die Kinder Betreuer, kein Elternersatz. Und schon entspannen wir Eltern uns in unserer Angst, jemand würde uns unser Kind –unsere Hannah- wegnehmen. Nein, wir bleiben als Eltern verantwortlich für das Wohl unserer Tochter – soweit wie wir es in dieser Lebensphase noch sein können.

Wir sehen die glücklichen Kinder in Blumenthal und die Vielfalt, die sie dort erleben. Alle jahrelangen Vorurteile, die wir in unserem tiefsten Inneren jedem Heim und insbesondere auch einem anthroposophisch geführten Heim gegenüber gehegt hatten, sind verflogen. Wir schämen uns im Nachhinein dafür und würden uns freuen, mit einer besseren Aufklärung anderen Eltern zu helfen, nicht den gleichen Fehler zu machen.

In Blumenthal wird jedes Kind individuell betreut. Wirklich individuell – wo geschieht so etwas sonst? (selbst nicht behinderten Kindern gegenüber?). Es gibt Ruhe und Aufregung, Pausen und Unternehmungen, Natur und moderne Entwicklung. Und es gibt Gemeinschaft: die Kinder haben einander. Hannah kann einen Teil ihrer Sehnsucht in Blumenthal ausleben. Nicht alles- natürlich- wir spielen als ihre Familie also noch eine Rolle. Uns Eltern tut das gut. Ihrem Bruder auch. Hannah genießt es sichtlich, ihr Unabhängigkeitsstreben ein Stück ausleben zu dürfen, ohne ganz auf ihre Familie verzichten zu müssen. Und wir können sie lieben und begleiten, ohne klammern zu müssen. Ein normaleres Leben also! Blumenthal lässt uns zu einem großen Teil die Behinderung unseres Kindes vergessen – durch alles was dort ist und wie es dort ist. Danke.

Veronika Wichmann u. Michael Muuß